Bing vs. Google: welche Gefahr besteht für Google in Deutschland?

by Astrid Jacobi 11 Juni 2011 8 Comments

Im Rahmen des Online Business Summit habe ich mir mal Gedanken darüber gemacht, inwieweit Google in Deutschland von Bing bedroht sein könnte. Natürlich, aktuell hat Google in Deutschland einen Marktanteil von 89%, zählt man T-Online, Web.de und AOL noch dazu, kommt man auf über 90%. Aus gutem Grund wird Bing also in Deutschland überhaupt nicht wahrgenommen – doch: ist das kurzsichtig?

Die letzte Hitwise Studie zu den Marktanteilen der Suchmaschinen in den USA zeigt folgendes Bild:

Hitwise Studie 2011: Bing legt gewaltig zu, Google verliert

Hitwise Studie 2011: Bing legt gewaltig zu, Google verliert

Welche Faktoren könnten nun also dazu führen, dass Bing auch in Deutschland für Google eine echte Bedrohung werden könnte?

1. Brand Loyalty
Ich habe einen schönen Artikel zur Brand Loyalty gegenüber Google gefunden. Er ist zwar schon zwei Jahre alt, die Grundaussage ist aber recht zeitlos: wir alle bevorzugen Google, weil wir Google für die schnellere und bessere Suchmaschine halten. Kurz: Google hat der Konkurrenz gegenüber einen technischen Vorteil, der wahrgenommen wird und damit zu einer enormen Brand Loyalty führt.

Diese Form der Markenverbundenheit ist jedoch nicht die stärkste. Nehmen wir die aus Hamburg stammende Fritz Cola als Beispiel: in Hamburg wird extrem gerne Fritz Cola getrunken. Das liegt jedoch nicht daran, dass wir Nordlichter denken, Fritz Cola schmecke einfach besser als Coca Cola (faktische Markenbindung). Vielmehr beruht die Markenbindung auf die emotionale Bindung zum Produkt: Fritz Cola bedeutet Kiez, bedeutet Hans Albers Platz, bedeutet Hamburg, bedeutet Lebensgefühl. Diese Form der Brand Loyalty ist eine sehr starke. Wir wissen, dass man faktische Meinungen leicht ändern kann, Emotionen aber bedeutend schwerer in ihr Gegenteil umzukehren sind.

Bei vielen Nutzern ist die emotionale Bindung zur Datenkrake Google eher bestimmt von folgenden Gedanken:

Magst Du Google?

Magst Du Google?

Ich wage mal zu behaupten, dass wir Search Professionals etwas betriebsblind sind im Hinblick auf Google. Wir sehen eine innovative Unternehmung, die ständig darum bemüht ist, Mehrwerte für die Nutzer zu schaffen. Doch fragt mal Eure Eltern oder “Eher-offline”-Freunde: mögt Ihr Google? Vertraut Ihr Google? Wie schätzt Ihr die Antwort ein? Bei meiner Familie würde ich wenige Liebesbekundungen hören :) …

Wir haben also als Markenbindungsfaktor bei Google die technische Überlegenheit.
Was, wenn diese auch angegriffen würde?
Besagte Hitwise-Studie attestiert Bing die besseren Suchergebnisse! Nun muss man der Fairness halber sagen, dass “Erfolg” in dieser Studie daran bemessen wird, ob der Suchende die SERPs verlässt und nicht zur Suchmaschine zurückkehrt, also “erfolgreich” war. Bouncerate als einzigen Erfolgsfaktor festzulegen, ist gewagt, wie Matt Cutts richtig kommentiert. Google erhöht die Stickiness in den eigenen SERPs immer mehr (und wird aus genau diesem Grund in Sachen Copyright gerne kritisiert), daher ist die Metrik Success Rate = Bounce Rate mehr als fragwürdig. Aber denoch: die Stimmen werden lauter, dass Bing gar nicht mal so schlechte Ergebnisse liefert (und seien es die von Google selbst :D) und die öffentliche Kritik an Bing ist geringer (logisch: viel Feind, viel Ehr). Googelt mal nach “Kritik Google” und dann nach “Kritik Bing”: natürlich gibt es auch kritische Stimmen zu Bing, gerade für ihren Streetview-Ableger Streetside. Doch zum Ankerlink im Wikipediaartikel hat es noch nicht gereicht… und damit kämen wir zum zweiten Vorteil Bings gegenüber Google:

2. Bing, the Underdog
Ja, richtig gehört. Bing, also MICROSOFT (sic!), wird auf dem Suchmaschinenmarkt als Underdog wahrgenommen. Als unterschätzter David, der sich gegen einen übermächtigen und teilweise gewissenlosen Goliath durchsetzen muss. Bing dagegen ist die Suchmaschine von nebenan, die aktuell absolut jede Konferenz sponsort, die es gibt (wer von Euch hat KEINE Bing Kaffeetasse?), dort exklusive Workshops anbietet und somit bestmöglich Opinion Leader erreicht. Google bleibt im Elfenbeinturm, die echten Infos kriegen wir von Bing, unserem Kumpel!

Bing, our buddy, the search engine next door...

Bing, our buddy, the search engine next door...

Doch der wichtigste Erfolgsfaktor Bings ist die mächtige Kooperation mit Facebook:

3. Social Search – wie objektiv wollen wir unsere Suchergebnisse überhaupt?
Hierzu möchte ich ein wenig ausholen und das Konzept der kognitiven Dissonanz kurz vorstellen: nach dieser psychologischen Theorie neigen wir Menschen zur Dissonanzreduktion. Dissonanz entsteht zum Beispiel dadurch, dass unser Handeln unserem Wissen entgegen geht. Ein Beispiel: als Raucher weiß ich, dass Rauchen mein Leben verkürzt und schädlich ist. Da ich jedoch nicht einfach aufhören kann, erzeugt mein Handeln (weiterrauchen) eine Dissonanz, ich tue etwas “wider bessres Wissen”. Eine klassische Reaktion zur Dissonanzreaktion ist hier zu sagen: “Mein Opa hat sein Leben lang geraucht und wurde über 90 jahre alt!” Wer von Euch hat das noch nicht von einem Raucher als Antwort bekommen?

Bei der Medienauswahl betreiben wir Dissonanzreduktion, in dem wir Medien wählen, die unserer Meinung und unserem Weltbild entsprechen. Ein Zeit-Leser greift nicht einfach so zur Bild und umgekehrt. Im Wartezimmer des Arztes greife ich zum Spiegel, da ich mich für eine intelligente Frau halte. Was wäre, wenn ich die Gala lesen und feststellen würde, dass mir Gossip eigentlich ganz gut gefällt? Dissonanz!

Bei Suchmaschinen funktioniert das nicht so richtig: hier werden mir Ergebnisse angezeigt, die objektiv als die relevantesten bewertet werden, ganz egal, ob ich nun Zeit- oder Bild-Leser bin. Google experimentiert zwar gerade mit einer personalisierten Ergebnissliste aufgrund von Sprachniveau, aber noch kann man sagen, dass der “Zeitungskiosk Google” uns alles unter die Nase hält, was zum Thema verfügbar ist.

Bei Bing kann ich in der Social Search nach Meinungen meines Facebook-Netzwerkes suchen. Das heißt, ich erhalte Ergebnisse, die mir von meiner peer group empfohlen werden – wie groß ist die Gefahr, dass ich als Otto Normalverbraucher lieber auf diese Ergebnisse zurückgreife? Was meint Ihr dazu?
Dass Google nicht gerade erfolgreich ist, was social angeht, sieht man zum Beispiel daran, dass die Provisionen der Mitarbeiter nun vom Social Success abhängig gemacht wurden. Plus One für Websites ist jetzt da, doch ohne Google Circles noch immer recht wertlos – warum sollte ich eine Website empfehlen, wenn ich nicht den Benefit habe, dass meine Freunde diese Empfehlung direkt sehen?
Schön hat das Mikkel gesagt:
google-social

Ein Hinweis: hier findet Ihr die Ranking Faktoren für Bing bei Rand Fishkin. Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass “Become a brand!” für Bing noch stärker zählt als für Google:

Rankingfaktoren bei Bing:
1. Keyword-Domains sind noch eher vernachlässigbar
2. Offpage-Faktoren (insb. Domainpopularität) werden bei Bing stärker gewichtet als bei Google
3. Google achtet stärker auf Onpage-Faktoren
4. Bing rankt Startseiten besser
5. Bing mag kurze URLs lieber

Und jetzt seid Ihr dran: sehr Ihr eine Gefahr für Google in Deutschland? Oder ist Euch Bing generell eher egal? Optimiert Ihr schon auf Bing?

8 Kommentare »

  • Julian said:

    Bing braucht eine Möglichkeit Buzz zu erzeugen damit die User es wahr nehmen. Dies könnte mittels Facebook geschehen. Oder über eine funktionierende Partnerschaft mit Nokia und somit Windows Mobile auf vielen Smartphones. Anders werden sie meiner Meinung nach keine Chance haben. Ich bezweifel dass es wie bei Google damals einfach durch Mundpropaganda klappen kann. Damals gabs eben kein Google, jeder hat gesucht wo er wollte. Jetzt muss man alle von Google wegholen. Und die haben kein schlechteres Produkt wie damals Altavista, Lycos, Yahoo… etc
    Underdog ist Bing meiner Meinung nach nicht. Denn es ist immernoch Microsoft und die Mehrheit mag MS irgendwie nicht, da alle Fehler in schlecht programmierter Shareware oder Hardwaretreibern eben auf Windows und somit MS geschoben wird.

    Ich kenne übrigens keinen mit einer Bing Tasse :D

  • Nerd in Skirt (author) said:

    Bing-Tasse: magst Du eine? Ich hab zwei :D

  • Marko said:

    Google hat in Deutschland noch etwas länger nichts zu befürchten, denn die Deutschen sind überaus markentreu. Wer hat bei telefonischem Kundenkontakt nicht schon mindestens fünf unterschiedliche Kandidaten gehabt, die die Browserzeile gar nicht kennen? Ihre Startseite ist Google und da geben sie die Seite ein zu der sie möchten. Das zu knacken wird noch etwas dauern, außer Google leistet sich richtig zu viel. Aber in dem Punkt sind die Deutschen ja recht milde.

  • Axel der Autoschieber said:

    Interessant trotzdem werde ich mich schwer tun andere Suchmaschinen zu bachten wenn Google +80% des Traffics liefert.

    @Julian Es geht nicht immer um die Qualität des Produktes es ist einfach sehr schwer Leute dazu zu bewegen was neues auszuprobieren. Siehe Suchmaschinen wechsel oder auf einen anderen Browser umzusteigen.

    PS: Ich habe noch keine Bing Tasse
    http://autoschieber.net/free-mug-friday/

  • Astrid (author) said:

    So, Axel hat mich mal gebeten, meinen Blog für ihn umzubauen :D – ich teste grade mal, ob das so funktioniert… für Dich immer, Autoschieber :)

  • SchoenfelderDesign said:

    Das heißt, wenn du mit deinem Underdog recht hast, muss man mehrere Optimierungen durchführen, falls es zu einer echten Konkurrenz kommt?

  • Nerd in Skirt (author) said:

    Nein :) Grundlegende Mechanismen sind bei allen Suchmaschinen gleich, d.h. eine langfristige und sinnvolle Suchmaschinenoptimierung ist quasi “plattformunabhängig”. Aber genau deshalb plädiere ich immer für eine umfassende SEO-Strategie, kein punktuelles “Optimierungsschritte-abarbeiten” – see the big picture :) (dann isses egal, ob der Rahmen des Bildes Bing oder Google heißt)

  • Frank Hübner said:

    Hallo,

    hier mal meine Meinung dazu. Ich bin seit weit über 10 Jahren Microsoft zertifiziert und was das OS betrifft auch treu und zufrieden, naja, bis auf Vista und 98 ME ;) Was die Suchmaschine betrifft, habe ich aber bereits oft Bing getestet und verglichen.

    Ich muss sagen, dass Google bislang fast immer das bessere Ergebnis hatte und selbst die Anzeigen besser waren als die Ergebnisse von Bing.

    Ebenso sieht man immer wieder Seiten auf Platz 1 die bei Google aus gutem Grund nicht zu finden sind, da Google sie abgestraft hat: Massive Verwendung von Keywords, weißer Text auf weißem Grund, massive Links von Linkwüsten usw.

    Ich habe bei Google immer wieder das Gefühl, dass diese Ihrer Philosophie treu bleiben und versuchen dem Benutzer das zu geben, was er wirklich sucht.

    Bing hingegen schlägt um sich, geht Partnerschaften mit Hinz und Kunz ein und versucht sich mit Geld zu verbreiten. In der USA sind auch die Live Services viel stärker genutzt als bei uns. Auch Bing hat es nie geschafft Social zu werden und mit dem einkaufen in Facebook dafür gesorgt, dass Google draußen bleibt.

    Fazit:
    Will ich dass Bing gewinnt? Nein, denn ich will keine käufliche Suchmaschine. Google hat sogar zweimal BMW aus den SERPs geworfen, obwohl die sicher nette Umsätze bei Google machen. Ich könnte mir das bei Bing nicht vorstellen. Bing schert sich auch noch weniger um Datenschutz als Google, aber wird bei uns ned wirklich ernst genommen. Zudem sollten unsere Datenschützer mal ins neue Jahrtausend kommen, denn während Unternehmer bald noch ein Nacktfoto von sich einstellen dürfen, der Staat zensieren will, den Unternehmen Datenspeicherung auferlegt ist das alles lächerlich im Vergleich zu Google. Der Private soll geschützt werden, aber alle Telefonate und E-Mails von ihm werden per Gesetz gespeichert und das Internet soll zensiert werden. Achja, und dann war da noch der “Bundestrojaner”. Wann kämpfen die Datenschützer endlich mal gegen so was, oder sollen die nur von der Wahrheit ablenken? Zudem sind meine Daten bei Google sicherer als beim Staat, die auch gerne mal ungelöschte Festplatten mit Finanzamtdaten verscherbelt.

    Optimiere ich für Google, dann bin ich auch bei Bing gut. Es ist für Bing zu optimieren sogar viel einfacher als für Google. Ich glaube Bing kommt bei uns mit der aktuellen Masche ned weit.

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